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Stubenreinheit - Wie kann ich meinem Welpen helfen?

 

Neulich in beim Sport...

Agnes zu einem Trainingspartner: „Also. Ich muss jetzt mal sagen, auch wenn’s brutal klingt, aber das hat bei mir total gut geholfen. Mein Welpe hat es danach nieeee mehr gemacht. Du musst einfach nur die Nase in die Pipi-Pfütze drücken und Du hast Deine Ruhe.“

Der Trainingspartner hat zum Glück gleich dagegengehalten und berichtet, er sei in einer guten Hundeschule und dieses Trainingsmittel wäre nicht notwendig.

 

Ich war trotzdem einfach fassungslos. Noch immer werden diese total veralteten, längst überholten und in diesem Fall auch asozialen Ratschläge gegeben. Keine Mutter der Welt würde auf die Idee kommen, das Gesicht ihres Babys/Kleinkindes in die Windel zu drücken, nur um das auf-die-Toilette-gehen zu beschleunigen. Und ja, das kann man sehr wohl vergleichen. Die Entwicklungsstadien und die beteiligten Gehirnareale unterscheiden sich kaum.

 

Hätte ich Agnes mit dieser Wut im Bauch vor allen anderen zur Rede gestellt wäre es wahrscheinlich zu einem Streitgespräch gekommen. An der Situation für ihre Hündin hätte das nichts mehr geändert. Und Agnes wusste es wahrscheinlich einfach nicht besser. 

 

Stattdessen habe ich beschlossen, diesen Artikel rund um die Stubenreinheit zu verfassen. Einfach weil:

 

GEWALT ENTSTEHT WO WISSEN ENDET UND VERZWEIFLUNG IHREN ANFANG HAT

 

Schauen wir uns doch erst einmal an, wie sich Stubenreinheit „normal“ entwickeln würde:

 

In den ersten Wochen setzt der Welpe erst dann Kot und Urin ab, wenn die Mutterhündin, durch das Lecken seines Bäuchleins, die Darm- und Blasentätigkeit in Gang gesetzt hat.

 

In der Übergangsphase (je nach Rasse in der 2. – 4. Lebenswoche) entwickelt sich dann ganz langsam die Fähigkeit, Blase und Darm zu kontrollieren. Das funktioniert aber noch sehr lange nicht wirklich zuverlässig.

 

Ab dieser Phase aber brauchen die Welpen die Hilfe der Mutter nicht mehr, um sich lösen zu können. Sie krabbeln jetzt alleine vom Schlaflager weg, lösen sich und krabbeln wieder zurück.

 

Diese Tendenz wird beim Heranwachsen beibehalten. Die Hunde entfernen sich immer weiter weg vom Schlaf- und Fressplatz, dem inneren Bereich des Territoriums, dem sog. Kern-Territorium.

 

Gute Züchter unterstützen diese Entwicklung, indem Sie dem Welpen die Möglichkeit bieten, ihr Lager zum Lösen verlassen zu können und, wenn sie alt genug sind, sich sogar draußen lösen zu können. Das ist die beste Vorbereitung zum Stubenreinheitstraining.

 

Welpen von Vermehrern, die in Zwinger- oder Boxen-Haltung groß werden, ist diese natürliche Stubenreinheits-Entwicklung versagt. Sie sind gezwungen ihr Geschäft im Bereich des inneren Territoriums zu erledigen, was ein späteres Stubenreinheitstraining beim Halter sehr erschwert. 

 

Ganz kleine Rassen (Toy-Rassen) bringen noch die Besonderheit mit, dass aus ihrer Perspektive z.B. schon der nächste Raum weit außerhalb des Kern-Teritoriums liegt und dem Bedürfnis, genug Abstand zum Schlaflager einzuhalten, dort bereits Genüge getan ist.

 

Damit hätten wir schon mal ein Puzzleteil des Stubenreinheitstrainings: Die Nähe zum Kern-Territorium

 

Bis zum Alter von ca. 8 Wochen erfahren die Welpen eine Art Untergrundprägung. Sie entwickeln Vorlieben und auch Abneigungen gegenüber gewissen Untergründen.

Da wir während dieser Zeit nur wenig bis gar keinen Einfluss auf die Entwicklung unseres zukünftigen neuen Familienmitgliedes haben, liegt die Verantwortung für eine ausreichende Untergrundsprägung auch wieder beim Züchter. 

Welpen, die in einer Zwinger- und Boxenhaltung groß werden, bevorzugen häufig harte Untergründe zum Lösen. Die Fließen in der Küche z. B. erfüllen dieses Kriterium perfekt.

Sehr oft gewöhnen Züchter die Welpen auch daran, auf Zeitungspapier zu machen. Es ist sehr saugfähig und lässt sich leicht austauschen. Das kann unter Umständen dazu führen, dass sich Welpen im neuen Zuhause ähnliche Untergründe suchen. Teppiche z.B. saugen Feuchtigkeit auch sehr gut auf oder das Hochglanz-Motorradmagazin von Herrchen, welches vergessen auf der Couch liegt.

Wachsen die Welpen z.B. im Winter auf und lösen sich, sobald sie raus können, nur im Schnee, kann es ebenfalls sein, dass das Stubenreinheitstraining im Frühjahr von Neuem beginnt.

 

Hier hätten wir Puzzelteil Nr. 2: Das Wissen um den Lieblingsuntergrund.

 

Frühestens ab dem 6. Monat erreicht ein Hund die vollständige Kontrolle über seine Blase, oft aber auch erst noch später. Bis dahin kann es immer wieder zu „kleinen Mißgeschicken“ kommen. Das hat nichts mit Trotz, Dominaz oder Protest zu tun, sondern passiert einfach aus der Tatsache heraus, dass er es noch nicht kontrollieren kann, bzw. ihm der Zugang zur Lösestelle versperrt ist.

Und bevor jetzt wieder einer mit der vermenschlichenden Aussage kommt, „Der weiß aber genau, dass er Mist gemacht hat. Man kann ihm das schlechte Gewissen ja richtig ansehen.“, möchte ich denjenigen bitten, den vermenschlichenden Gedanken dann aber auch bitte zu Ende zu denken. Wenn ich nämlich jemanden aus Trotz oder Protest so ein richtiges Ei lege (bitte nicht bildlich vorstellen) und derjenige kommt nach Hause und ärgert sich unbändigst darüber, dann habe ich bestimmt kein schlechtes Gewissen, sondern freue mich diebisch, dass ich ihm Eins auswischen konnte. Dann werde ich hoch erhobenen Kopfes davon stolzieren, mit einem hämischen Grinsen im Gesicht.

Die geduckte Körperhaltung, die sooft als „schlechtes Gewissen“ interpretiert wird, ist vielmehr ein sich-klein machen aus Angst vor uns. Wenn wir die Pfütze entdecken, frieren wir vielleicht kurz ein, wir fluchen vor uns hin, usw. Unser Hund liest unsere Körpersprache und rechnet mit Schmerzen und das, finde ich, darf überhaupt niemals sein. Ein Welpe sollte sich in unserer Gegenwart IMMER sicher fühlen. Aber, ich schweife ab.

 

Ist der Hund gestresst oder aufgeregt, dann hat das einen direkten Einfluss auf die Blasen- und Darmtätigkeit. Der Körper bereitet sich auf eine Bedrohung vor. Entweder er macht Darm und Blase dicht, so dass der Hund sich während einer Gefahrensituation nicht auch noch mit dem Lösen beschäftigen muss oder aber, und jetzt kommt der Klassiker: Er sorgt dafür, dass der Hund sich fix an Ort und Stelle löst -  wir denken an das Pfütze machen, wenn jemand zu Besuch kommt.

 

Im Umkehrschluss bedeutet das, ist der Hund entspannt, zeigt er in der Regel normales Löseverhalten. Das ist für uns als Hundehalter auch sehr viel leichter zu überwachen und zu „lenken“. Der Welpe bzw. seine Blase wird berechenbarer. Zum Entspannungstraining speziell ist ein extra Blog-Artikel geplant.

 

Welpen müssen in den ersten Wochen/Monaten mindestens alle zwei Stunden Harn absetzen.

Erwachsene Hunde möchten ihre Blase dann nur noch alle 4 – 8 Stunden entleeren. Meine Hündin (Geschlüpft im Januar 2013) hält nachtsüber tatsächlich bis zu 11 Stunden aus und tagsüber (da ist der Stoffwechsel aktiver) 7 Stunden.

 

Bei den folgenden Merkmalen zur Stubenreinheit sollte ein Arztbesuch in Erwägung gezogen werden:

  • Der Hund wird, wenn er älter ist, plötzlich wieder stubenunrein
  • Der eigene Liegeplatz wird verunreinigt
  • Der Hund löst sich währende des Schlafes
  • Er löst sich unkontrolliert bzw. unbewusst (z.B. unterm Laufen)
  • Er hinterlässt viele kleine Pfützen (evtl. Blasenentzündung)

 

So, damit wären wir erstmal mit den wichtigsten Fakten zum Thema Stubenreinheit durch. 

 

Kommen wir zum Trainingsteil

 

1. Wir verhindern weitere Missgeschicke im Haus

Wir müssen verhindern, dass der Welpe noch einmal die Gelegenheit bekommt überhaupt ins Haus zu machen. Ja ich weiß, das erfordert von uns permanente Aufmerksamkeit und kann sehr anstrengend sein, aber es darf dafür keine weiteren Verknüpfungen im Gehirn geben. Niemand hat gesagt, dass ein Welpe keine Arbeit macht :-)

 

Wenn ein Welpe bereits einen Raum als dauerhaften Löseplatz für sich entdeckt hat, dann tue ich zwei Dinge:

Zum Einen sorge ich dafür, dass dieser Raum zum erweiterten Kern-Territorium wird und damit für den Welpen nicht mehr als Löseplatz in Frage kommt, zum Anderen, dass er in diesem Raum für die nächste Zeit nicht mehr ohne Aufsicht ist.

In diesem Raum darf kein Malheur mehr passieren. Denn die Verknüpfung zum Lösen ist im Gehirn bereits vorhanden und muss durch Extinktion gelöscht werden. Daher die Problembearbeitung von zwei Seiten. Wir löschen altes Verhalten und bauen zeitgleich ein Neues auf. Das nimmt etwas mehr Zeit in Anspruch aber der Trainingseinsatz lohnt sich.

 

Zum erweiterten Kern-Territorium wird dieser Raum indem ich den Welpen dort füttere (vielleicht eine Mahlzeit am Tag dort und die andere am ursprünglichen Fütterungsplatz), dort mit ihm spiele und auch kleine Trainingsaufgaben mit ihm dort mache. Danach ist der Raum wieder tabu bzw. wache ich mit Argusaugen darüber, dass er dort kein Geschäft mehr macht. Eventuell haben Sie die Möglichkeit ein Kindergitter anzubringen. So ist der Raum zwar sichtbar aber außerhalb der sozialen Interaktion mit Ihnen einfach nicht mehr erreichbar. Sollte es aber ein Raum sein, in dem Sie sich üblicherweise selber oft  aufhalten und Sie würden den Welpen damit aussperren, dann ist das nicht die richtige Lösung für Sie - dann bleibt Ihnen neben dem ersten Teil des Trainings, den sozialen Interaktionen, nur das aufmerksame Beobachten. Und bitte, testen Sie nicht schon nach 2 Tagen, ob es funktioniert hat. Das kann nur in die Hose gehen.

 

Damit der Welpe kein Geschäft mehr ins Haus macht, müssen wir den Welpen mind. alle 2 Stunden an seinen Löseplatz bringen und zusätzlich noch, wenn:

  • er gefressen hat
  • er gespielt hat
  • er getrunken hat
  • er aufgewacht ist
  • er anfängt am Boden zu schnüffeln
  • er anfängt in der Wohnung herumzugucken
  • er zur Tür geht
  • er fiept
  • er vom Spaziergang nach Hause kommt
  • usw.

 

Wir bringen ihn auch an seinen Löseplatz, bevor wir mit ihm Gassi gehen. Das Spazierengehen und das "Geschäft-erledigen" sollten von Anfang an voneinander getrennt werden. Warum?

  • Der Spaziergang wird so nie „unter Harndrang-Druck“ begonnen. Das wilde, aufgeregte Herumgespringe, wenn Frauchen nach der Leine greift, könnte dadurch begünstigt werden.

  • Dann verhindert es auch, dass der Welpe ein „Ich muss mal“ anzeigt, wenn er eigentlich spazieren gehen will. Das macht es uns nur unnötig schwer, die Zeichen richtig zu deuten. Da kommt dann irgendwann gerne mal ein: "Der muss gar nicht, der will wieder nur spazieren gehen" und wuppeldischwupps haben wir wieder eine Pfütze in der Wohnung. Also -> Geschäft-erledigen und Gassi-gehen trennen

  • Durch das vorherige Lösen wird es auch unwahrscheinlicher, dass der Welpe sein Geschäft schon an Nachbar‘s Zaun erledigt, weil er es nicht mehr bis zum Siedlungsrand schafft.

 

Aber mal ganz abgesehen davon, Spaziergang war eh gestern - heute ist "Draußen-Zeit". Aber dazu ein anderes Mal mehr.

 

2. Wir etablieren einen festen Löseplatz

Wenn sich ein Welpe löst, dann bringt das eine Erleichterung mit sich. Diese Erleichterung wiederum wirkt selbstbelohnend. Der Welpe verknüpft in seinem Gehirn:

 

Löseort + Geschäft-erledigen = Erleichterung

 

Als festen Löseort suchen wir einen Platz aus, der so nah wie möglich am Haus und sehr ablenkungsarm ist. Der Welpe ist dazu, sofern es nicht ein geschützter Bereich im Garten ist, immer angeleint. Was den Löseplatz betrifft sollten wir auch die Untergrundsprägung berücksichtigen. Für Welpen, die bereits mehrere Untergründe kennen ist das egal, aber für die Welpen, die z.B. gelernt haben nur auf Zeitungspapier zu machen, müssen wir einen kleinen Trick anwenden. Wir nehmen ein Zeitungsblatt mit zum Löseort und legen es dort hin. Beim nächsten Mal machen wir das Zeitungsblatt ein wenig kleiner, beim übernächsten Mal noch ein wenig kleiner, usw. Wir schleichen das Zeitungspapier aus. 

Schwieriger ist es, für Welpen, die nur Beton und andere harte Untergründe kennen. Hier gibt es z.B. die Möglichkeit, eine Waschbetonfließe an den Löseort zu legen, die gerade so groß ist, dass der Welpe zum Lösen drauf passt und auf die er gehen kann, wenn er das überhaupt will. Jetzt brauchen wir nur noch Mutter Natur für uns arbeiten lassen. Je größer der Welpe wird umso „kleiner“ wird die Platte. Irgendwann legt er sein Geschäft aus Platzgründen daneben ins Gras und der Bann ist gebrochen.

An der Lösestelle gibt es keine Interaktion mit dem Welpen. Wir warten geduldig (und wenn es 20 Minuten dauert), bis er sein Geschäft erledigt. Ist er fertig wird er ruhig gelobt und wir gehen zurück ins Haus.

 

3. Wir setzen das Lösen unter Signal

Hat der Welpe den Löseort gut angenommen, gehen wir einen Schritt weiter. Wir setzen das Lösen unter Signal. Jedes Mal, wenn sich der Welpe jetzt zum Lösen absetzt, sagen wir das Signal. Z.B. „Pippi“ oder „Bubu“ oder was man auch immer dazu sagen möchte. Wichtig ist das Timing. Die meisten Hunde grätschen die Hinterläufe erst einmal auseinander und senken dann ihren Po zu Boden. Genau der Moment, noch bevor der Po ganz unten ist, wäre perfekt für das Signalwort (klassische Konditionierung). 

Hat der Welpe sein Geschäft dann erledigt und will den Po gerade wieder anheben, kommt von uns das Markersignal. (Für die, die noch nichts von einem Markersignal gehört haben, gibt es unten nochmal eine kleine Erklärung)

Das machen wir ab sofort jedes Mal, wenn wir den Hund zum Lösen bringen. 

Zum Einsatz kommt das dann z.B., vor dem Tierarztbesuch. So ist es unwahrscheinlicher, dass es zu einem Angst-Wissi kommt.

Oder auch zu Silvester. Viele Hunde entwickeln eine Geräuschangst, die gerade um Silvester rum, wenn schon Tage vorher immer wieder Böller knallen, ganz besonders schlimm ist. Die Hunde trauen sich nicht mehr raus und verkneifen sich ihr Geschäft. Dann ist es gut, wenn man einen festen Löseplatz am Haus hat, den der Welpe mit Erleichterung und Entspannung verknüpft hat und ein Signalwort etabliert ist. Die Routine, die dahintersteckt, kann dem Hund helfen sich trotz Angst zu lösen.

 

So. Das waren die Basics zum Stubenreinheitstraining.

 

Wir fassen nochmal zusammen:

1. Vermeiden, dass es wieder passiert

2. Festen Löseplatz etablieren

3. Das Lösen unter Signal stellen

 

Es wird immer wieder Abweichungen von der Norm geben, die eine etwas andere Vorgehensweise erfordern, als die hier geschilderte. Wenn Fragen auftauchen, dann bitte gleich melden. Eventuell werde ich die Frage auch in die Kommentare bei Facebook, Instagram & Co. einfügen, damit jeder etwas von der Beantwortung hat. Falls das nicht gewünscht ist, dann bitte einfach kurz mit bei der Frage erwähnen.

 

Erklärung Markersignal:

Ein Markersignal ist das Versprechen auf eine Belohnung. Es kann sehr punktgenau eingesetzt werden und bedeutet konkret für den oben beschriebenen Fall soviel wie: „Ja genau das war klasse! Du hast auf das Signal „Bubu“ hin auch Dein Geschäft gemacht. Dafür hast Du Dir eine Belohnung verdient.“. Es ersetzt also ganz schön viel Text. Das erleichtert und beschleunigt das Training (und das gilt für jedes Training) ganz enorm.

Das Markerwort ist einsilbig, knackig (erster und letzter Buchstabe müssen hart sein) und vor allem exklusiv (wird nur in diesem Zusammenhang genutzt). Beispiele für Markerwörter sind: TACK, CLICK, TOP, YEP, usw. Ich selber nutze 6 verschiedene Markerwörter um unterschiedliche Belohnungstypen anzukündigen. Es ist also ein sehr ausbaufähiges Belohnungssystem.

In der Welpengruppe ist es auch das erste was wir lernen. Es ist die Basis für eine gemeinsame Kommunikation. Das "Esperanto" der Hund-Mensch-Beziehung sozusagen :-)

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